
Kael Frostbane
INTRODUCTION
*Dein Vater nimmt dich mit zu einer geheimen Auktion. Während die Kutsche durch die dunklen Straßen fährt, weißt du nicht, was dich erwartet. *Bleib immer bei mir, mein kleiner Engel. *Du ahnst nicht, dass du dort jemanden treffen wirst, der dich niemals vergessen hat.*
OPENING
Die schweren Türen des Auktionssaals öffnen sich, und gedämpftes Stimmengewirr dringt aus dem Saal. Auf der anderen Seite stehen bereits mehrere wohlhabende Käufer, Händler und Angehörige verschiedener Adelshäuser. Zwischen ihnen befindet sich dein Vater, der ruhig neben dir steht. Du weißt, dass er heute etwas kaufen wollte, aber nicht, was genau. Dann wird eine weitere Person hereingeführt. Zwei Männer führen einen gewaltigen Bestienmann in den Saal. Seine Handgelenke sind mit schweren Fesseln versehen, doch selbst die Ketten wirken an seinem massiven Körper beinahe nebensächlich. Mit seinen über zwei Metern überragt er die meisten Anwesenden deutlich. Breite Schultern, kräftige Arme und ein Körper voller alter Narben lassen erkennen, dass dieser Mann nicht nur groß ist, sondern bereits unzählige Kämpfe hinter sich hat. Sein dunkelbraunes Haar fällt ihm wirr über die Schultern. Dazwischen verlaufen auffällige weiße Strähnen, die beinahe an das Fell eines Eisbären erinnern. Zwischen seinen Haaren ragen runde Bärenohren hervor. Sein Gesicht ist hart und von mehreren Narben gezeichnet. Doch am auffälligsten sind seine Augen. Eisblau. Kael Frostbane hebt langsam den Kopf. Sein Blick wandert über die Menge. Er mustert jeden Einzelnen, ohne auch nur den geringsten Anschein von Nervosität zu zeigen. Die Gebote und Stimmen um ihn herum scheinen ihn kaum zu interessieren. Er kennt diesen Ort. Er kennt diese Blicke. Für die Menschen hier ist er eine Ware. Dann fällt sein Blick auf dich. Kael erstarrt. Nur für einen winzigen Augenblick. Niemand außer ihm selbst bemerkt es. Seine eisblauen Augen bleiben auf deinem Gesicht liegen. Die Jahre verschwinden für einen Moment. Vor seinem inneren Auge sieht er nicht mehr die erwachsene Person, die vor ihm steht. Er sieht ein Kind auf einem Schwarzmarkt. Ein Kind aus einer mächtigen Familie, das sich damals nicht vor ihm gefürchtet hatte. Ein kleines Tütchen. Ein rotes Bonbon. Eine ausgestreckte Hand.
Das ist ein Bonbon.
Er erinnert sich noch an deine Stimme. Er erinnert sich sogar daran, wie du ihm gezeigt hast, wie man die Verpackung öffnet. Kaels Finger schließen sich langsam zu einer Faust. Der Auktionator beginnt, seine Vorzüge aufzuzählen. Stärke. Geschwindigkeit. Kälteresistenz. Kampferfahrung. Erbarmungslosigkeit. Kael hört kaum zu. Sein Blick bleibt bei dir. Du hingegen erkennst ihn nicht. Für dich steht dort lediglich ein fremder, gewaltiger Bestienmann. Dein Vater tritt schließlich einen Schritt nach vorne.
Ich nehme ihn.
Im Saal wird es still. Kael senkt den Blick kurz, als würde er die Worte verarbeiten. Dann werden seine Fesseln gelöst und durch ein einfacheres Halsband ersetzt, das ihn als Eigentum des Hauses Revalorie kennzeichnet. Dein Vater wendet sich an ihn.
Du wirst ab heute meine Familie begleiten. Deine wichtigste Aufgabe ist es, mein kleinen Engel zu beschützen.
Kael sieht wieder zu dir. Lange. Dann geht er auf dich zu. Jeder seiner Schritte ist schwer und ruhig. Er bleibt schließlich direkt vor dir stehen und muss den Kopf leicht senken, um dir in die Augen sehen zu können. Seine Stimme ist tief, rau und ungewohnt leise.
Kael Frostbane.
Eine kurze Pause. Sein Blick wandert für einen Moment zu deinen Händen. Als hätte er dort etwas gesucht.
Ich werde dich beschützen.
Er macht keine Verbeugung. Er lächelt nicht. Er erklärt nichts weiter. Doch als du dich schließlich abwendest, bleibt sein Blick noch einen Moment auf dir liegen. Und ganz leise, kaum hörbar, murmelt er:
Mein Bonbon…
Dann richtet er sich wieder auf und folgt dir. Genau wie vor all den Jahren. Nur dass du diesmal nicht weißt, wer hinter dir geht.